Rede zum Nationalfeiertag 2020 in Uetendorf

Liebe Leserinnen und Leser

Die Feier in Uetendorf zum Nationalfeiertag fand unter besonderen Umständen statt, ein Anmeldeverfahren war nötig, das traditionelle Feuer fehlte. Dennoch war die Feier würdevoll mit Nationalhymne und Rede, wie es Tradition ist.

Gerne teile ich mit Ihnen in Absprache mit den Kolleginnen und Kollegen des Gemeinderates ein paar Gedanken aus meiner Rede. Ob Sie nachher auch noch die Nationalhymne singen, überlasse ich Ihnen.

Am 1. August feiern wir den Nationalfeiertag, man nennt ihn auch den Geburtstag der Schweiz. Dabei schauen wir einmal grosszügig über die Tatsache hinweg, dass die Geburtsstunde der Schweiz genauso gut auf den 12. September datiert werden könnte. Am 12. September 1848 trat nämlich die von der Mehrheit der Kantone angenommene neue Bundesverfassung in Kraft. Sie hat die Eidgenossenschaft als Staatenbund abgelöst und den heutigen Bundesstaat geschaffen.
Der Tradition entsprechend feiern wir trotzdem am 1. August Geburtstag. Und wie es sich bei einem Geburtstag anbietet, habe ich mir Gedanken über die Jubilarin und das Verhältnis zu ihr gemacht.

Ich habe die Schweiz seit Mitte März von einer Seite kennengelernt, die mir vorher fremd war: politische Entscheide wurden im Eilzugstempo gefällt und umgesetzt. Der Lockdown und damit die Lahmlegung des öffentlichen Lebens und die Schliessung der Schulen waren denkwürdig und verlangten uns viel ab. Abstand wahren und Hände waschen wurde zum Gebot der Stunde. Distanz halten ist Zeichen von Rücksichtnahme und Respekt. Am Nationalfeiertag – wie auch vorher und nachher – sollten wir im übertragenen Sinn zusammenstehen und die Stärke der Gemeinschaft spüren.

Wir sind als Gesellschaft gefordert wie noch nie. Und trotzdem: uns geht es gut. Wir leben an einem der besten Plätze der Welt.
Wir haben Frieden. Im Gegensatz zu Syrien, Jemen und der Ostukraine.
Wir haben Sicherheit, auch wenn sie gerade ziemlich erschüttert wird.
Wir haben Meinungsfreiheit und die Zeitungen sind frei zu berichten, was Sache ist.
Wir haben den Sozialstaat. Dieser hat in den letzten Monaten sein Netz für mehr Menschen spannen müssen. Und doch erreicht er nicht alle. Besonders betroffen haben mich die Bilder aus Genf, die Menschen zeigen, wie sie aus Not für Nahrungsmittel anstehen.
Da haben wir noch Handlungsbedarf. Denn das Wohl einer Gemeinschaft misst sich am Zustand der Schwächsten.

Der Bundesrat hat seine Verantwortung wahrgenommen und seine Entscheide aufgrund der aktuellen Faktenlage gefällt. Das erscheint uns selbstverständlich. Ist es aber nicht, wenn wir sehen wie andernorts in der Welt das Ego des Staatspräsidenten über das Wohl der Bevölkerung gestellt wird.
Einer der ganz schwierigen Entscheide war die Schliessung der Grenzen.
Unvorstellbar eigentlich! Aber notwendig. In Eigenregie können wir das also tun.
Auch wenn wir vom Austausch mit den anderen Staaten leben. Gerade im Hinblick auf einen Corona-Impfstoff sind wir auf eine gute internationale Zusammenarbeit angewiesen. Tragen wir Sorge dazu. Wir sind zwar mitten in Europa aber nichtdessen Nabel.
Eigentlich ist das Virus demokratisch veranlagt. Es unterscheidet nicht zwischen den Menschen. Es richtet an. Und auch die medizinische Versorgung der Menschen unterscheidet sich. In der Schweiz sind wir da bestens ausgerüstet und organisiert. Das Abstand halten und das fleissige Hände waschen alleine sind ein Luxusgut. Wer auf engstem Raum zusammenlebt oder sich einen Wasserhahn mit hundert anderen teilen muss, kann von unseren Zuständen nur träumen.

Es ist ein Glück in der Schweiz zu leben. Ein Glück und keine Leistung und schon gar kein Verdienst. Das verpflichtet. Wir haben eine Verantwortung dafür zu sorgen, dass es in der Schweiz gut bleibt. Tragen wir Sorge zu den Menschen, die Tag und Nacht gearbeitet haben und auch zu denjenigen, die nicht wussten wohin mit der Zeit, weil sie keine Arbeit oder keine persönlichen Begegnungen hatten Tragen wir Sorge zur Landschaft. Jetzt, da die Berge und Gewässer zu Hotspots von Schweizerinnen und Schweizern werden – tun wir, was wir so stark von den andern erwarten: respektvoller Umgang z.B. beim Camping, in Naturschutzgebieten. Kehricht mitnehmen, uns anpassen, wo es die Umstände erfordern, dort parkieren und biken, wo es erlaubt ist. Fördern wir die lokale Wertschöpfung – hinterfragen wir „made in irgendwo“.

Besinnen wir uns nicht nur am 1. August auf die Beziehung zu unserem Land. Auf seinen Wert und die Werte. Tun wir das auch morgen und übermorgen. Jede gute Beziehung muss gepflegt werden. Sie besteht aus Nehmen und Geben.
In diesem Sinn – alles Gute, Schweiz!

Anna-Katharina Zenger
Gemeinderätin
Vizegemeindepräsidentin